Eine neu eröffnete Synagoge – Mittel gegen Antisemitismus?

85Jahre nach der Zerstörung der Synagoge in Dessau, wurde der erste Neubau eines jüdischen Gotteshauses in Sachsen-Anhalt, im Beisein von Bundeskanzler Olaf Scholz SPD, und Israels Botschafer Ron Prosor eröffnet. (Lizenz: imago; Copyright: Mike Schmidt)

Letzte Aktualisierung am 22. Oktober 2023 durch Thomas Morvay

Am heutigen Sonntag wurde im Beisein von Olaf Scholz in Dessau eine neue Synagoge eröffnet. Es ist dies der erste Neubau eines jüdischen Gotteshauses im Bundesland Sachsen-Anhalt. Der deutsche Bundeskanzler hält dazu die Festansprache. An aktuellen Themen fehlt es nicht – doch so richtig freuen vermag man sich nicht! Zu frisch sind die Wunden, die 80 Jahre alten, und ganz besonders die neueren: die pro-palästinischen Demonstrationen, mit ihren Juden-feindlichen (Zwischen-) Tönen.

Sehr geehrter Herr Botschafter Prosor,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Dr. Wassermann,
sehr geehrter Herr Dainow,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Reck,
verehrte Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Dessau,
meine Damen und Herren!

85 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge dieser Stadt schließen wir heute eine Lücke ‑ mit einem neuen jüdischen Gotteshaus, gut sichtbar, mitten in Dessau. Was für ein Vertrauensbeweis Ihrer kleinen und zuletzt durch die Aufnahme von Menschen aus der Ukraine wachsenden Gemeinde, Herr Dr. Wassermann, die Teil ist einer vielfältigen jüdischen Gemeinschaft in unserem Land. Was für ein Geschenk!
Was für ein Glück!Doch diese Worte ‑ „Geschenk“, „Glück“ ‑ mögen uns heute nicht so recht über die Lippen kommen. Uns alle bewegt zutiefst, was am 7. Oktober in Israel geschehen ist. Wir sind erschüttert, wie viele Frauen und Männer, Babys, Kinder und Ältere dem barbarischen ‑ und hier passt dieses Wort: barbarischen ‑ Terror der Hamas zum Opfer gefallen sind. Wir fühlen mit allen, die Freunde und Familienangehörige verloren haben, die um Kinder, Eltern, Geschwister, Ehepartner, um ihre Liebsten bangen, um diejenigen, die als Geiseln in der Gewalt der Terroristen sind. Einige dieser Angehörigen konnte ich bei meinem Besuch in Tel Aviv persönlich treffen. Ihr Schmerz bricht einem das Herz. Deshalb wird die Bundesregierung alles tun, was in unserer Macht steht, damit alle Geiseln freikommen.
Und auch das möchte ich hier sagen: Es empört mich zutiefst, wie antisemitischer Hass und menschenverachtende Hetze sich seit diesem schicksalhaften 7. Oktober Bahn brechen ‑ im Internet, in den sozialen Medien, rund um die Welt und ‑ beschämenderweise ‑ auch hier bei uns, in Deutschland. Ausgerechnet hier, in Deutschland. Deutsche haben das Menschheitsverbrechen der Shoa begangen. Deshalb muss unser „Nie wieder!“ unverbrüchlich sein.
Meine Damen und Herren, der 7. Oktober markiert eine Zäsur ‑ eine Zäsur zuallererst für den Staat Israel, der das völkerrechtlich verbriefte Recht hat, sich gegen den Terror zur Wehr zu setzen ‑ Terror, der Unschuldige ermordet, Terror, der den jüdischen Staat Israel vernichten will.
Für Deutschland kann es in dieser Lage nur einen Platz geben: Den Platz fest an der Seite Israels. Das habe ich auch Präsident Herzog, Premierminister Netanjahu und dem neu in die Regierung eingetreten Minister Gantz gesagt, als ich am Dienstag zu Besuch in Israel war. Und diese Zusage, sehr geehrter Herr Botschafter, übersetzen wir in praktische Solidarität mit Ihrem Land. Wenn Israel Deutschland in dieser Lage um Hilfe bittet, dann helfen wir.
Meine Damen und Herren, der 7. Oktober markiert eine Zäsur nicht nur für Israel, nicht nur für Jüdinnen und Juden weltweit, sondern für uns alle, weil der Terror in seiner ganzen Brutalität und Abscheulichkeit sich gegen die Menschlichkeit selbst richtet. Die Terroristen wollen Unfrieden stiften zwischen den Völkern und den Religionen. Sie wiegeln auf und säen Hass ‑ nicht nur im Nahen Osten, auch hier bei uns. Wir müssen alles daransetzen, dass diese Saat nicht aufgeht.
„Lethargie ist im jetzigen Moment völlig unangebracht“ – das schrieb der berühmte Kurt Weill, der Sohn des Dessauer Kantors Albert Weill, nach dem diese Synagoge benannt sein wird, kurz nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten an seinen Verleger.
Lethargie ist unangebracht; Wegsehen ist unangebracht; Schweigen ist unangebracht, wenn Jüdinnen und Juden auf unseren Straßen nicht sicher sind, wenn Davidsterne auf Häuser geschmiert werden, wenn Brandsätze auf Synagogen geworfen werden, wenn die Opfer des Terrors verhöhnt und die Täter verherrlicht werden, wenn Hass und Gewalt gegen Jüdinnen und Juden mit einem unerträglichen „Ja, aber“ relativiert werden – in perfider Täter-Opfer-Umkehr.
Jetzt gilt es, meine Damen und Herren. Jetzt muss sich zeigen, was „Nie wieder!“ bedeutet. Jetzt müssen wirzeigen, was unser „Nie wieder!“ bedeutet. Deshalb wird unser Staat jüdisches Leben überall und zu jeder Zeit schützen und verteidigen. Dass dazu Polizistinnen und Polizisten vor Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen nötig sind, ist beschämend. Doch noch viel beschämender, noch viel katastrophaler ist es, wenn Synagogen in Deutschland angegriffen werden – so wie vor vier Jahren unweit von hier in Halle.
Antisemitischer Hass und menschenverachtende Hetze sind in Deutschland strafbar. Unsere Polizei und unsere Justiz müssen unsere Gesetze durchsetzen – und das werden sie auch. Für Antisemitismus darf es in Deutschland keinerlei Toleranz geben ‑ egal, ob dieser Antisemitismus politisch motiviert ist oder religiös, ob er von links oder rechts kommt, ob er seit Jahrhunderten hier gewachsen ist oder von außen ins Land gekommen ist. Antisemitismus bleibt, was er ist: ein Gift, das sich aus dumpfen Ressentiments, aus Empathielosigkeit und einem Mangel an Toleranz speist; ein Gift, das unsere Gesellschaft zersetzt und unsere Demokratie gefährdet. Daher ist der Kampf gegen Antisemitismus immer zugleich der Kampf für eine bessere, menschlichere, aufgeklärte Gesellschaft – und somit eine Aufgabe aller.
Wenn ich das hier in Dessau sage, dann muss ich natürlich an einen der größten Söhne dieser Stadt denken, an den Wegbereiter der europäischen Aufklärung und des emanzipierten Judentums in Deutschland, an einen großen Vorkämpfer für Toleranz, Gleichberechtigung und Respekt: Moses Mendelssohn.
„Betrachtet uns, wo nicht als Brüder und Mitbürger, doch wenigstens als Mitmenschen und Miteinwohner des Landes“ – so schrieb er seinen christlichen Zeitgenossen 1783 ins Stammbuch. Welch trauriger Befund ist es da, wenn Jüdinnen und Juden auch heute immer noch und immer wieder zweifeln müssen, ob dieses Land auch ihr Land ist. Umso zuversichtlicher macht es mich, wenn wir jüdischem Leben in Deutschland heute einen neuen Raum geben ‑ einen Raum, fest in Stein gemauert.
Diese Synagoge mitten hier in Dessau sagt: Jüdisches Leben ist und bleibt ein Teil Deutschlands. Es gehört hierher. Wir werden alles tun, um jüdisches Leben zu schützen und zu stärken! „Wir“ – dieses Wort ist in Deutschland nicht denkbar, nicht sagbar ohne Jüdinnen und Juden einzubeziehen. Auch dafür steht dieses Gebäude; auch dafür steht dieser Dessauer Lückenschluss. Das macht den heutigen Tag dann doch zu einem Glück und zu einem Geschenk.
Schönen Dank!
Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz, am 22. Oktober 2023
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Über Thomas Morvay 318 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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