Hat er wirklich eine zweite Chance verdient?

BOAO, CHINA - MARCH 29: Pierre Krahenbuhl, der ehemalige Generalsekretär von UNRWA, der wegen Korruption und anderem Fehlverhalten aus dem Amt gejagt wurde, ist wieder zurück im Rampenlicht. Wie lange dauert es dieses Mal? (Lizenz: imago; Copyright: VCG 111429399445)

Letzte Aktualisierung am 2. April 2024 durch Thomas Morvay

Der Schweizer Diplomat Pierre Krähenbühl schied, unter dem Mantel der Verschwiegenheit, aber dennoch öffentlich genug, am Ende des vergangenen Jahrzehnts, aus dem Amt als Generalsekretär des UNO-Palästinenserhilfswerks UNRWA. Seit Januar dieses Jahres ist seine Rückkehr in ein prestigeträchtiges internationales Amt bekannt. Er tritt ihn trotz deutlicher Kritik heute tatsächlich an: neu ist Krähenbühl Generaldirektor des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes. Erneut ist er “Aushängeschild” der Schweizer Diplomatie – aber hat er das verdient?

Auf “X” (vormals Twitter) wird heute die Frage gestellt – von jemand sehr Berufenem, dem kanadischen Juristen und jahrelangem Beobachter der Vereinten Nationen und seinen verschiedenen Unterorganisationen Hillel Neuer – ob denn dies der richtige Weg ist. Damit man es nicht falsch versteht: jeder Gestrauchelte hat Anspruch auf eine zweite Chance. Auch gibt es nicht an jeder Ecke geeignete Kandidaten, die in der Lage wären, ein derartig komplexes, im öffentlichen Rampenlicht stehendes Unternehmen wie das Rote Kreuz zu führen. Aber doch nicht unmittelbar nach einem Straucheln, das so prominent und medienwirksam begleitet worden war, wie das von Pierre Krähenbühl.

Gerade angesichts dieser Ausgangslage wäre es Krähenbühl gut getanden, nach seinem Ab- und erneutem Auftauchen erst einmal “kleinere Brötchen” zu backen, sich und der Öffentlichkeit zu zeigen, dass er dieses Vertrauen verdient hat. Der Schweizerische Bundesrat ist nicht bekannt dafür, seine personalpolitischen Entscheidungen von sich aus, wie man auf Neudeutsch sagt, proaktiv zu begründen. Es wäre aber diplomatisch geschickt gewesen – und es hätte bestimmt den Gegenwind etwas abgemildert – hätte er es in diesem Einzelfall getan, auch und gerade für den Menschen Pierre Krähenbühl. Gelegenheiten dazu hätte er zur Genüge gegeben, etwa nach dem vernichtenden Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung, vom 5. Januar dieses Jahres. Der Bundesrat zog es vor zu schweigen – “Aussitzen” ist eine beliebte Strategie der “sieben Zwerge”.

Gut angestanden wäre eine klar dargelegte Haltung der Schweiz nicht zuletzt auch, weil andere Länder und deren Politiker weitaus weniger leisetreterisch die unsägliche UNRWA-Affäre genüsslich hochkochen liessen. Am deutlichsten wurde dies etwa im öffentlich gemachten Schreiben von Sen. Jim Risch, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Aussenpolitischen Kommission des U.S.-Senats und seinen rund zwei Dutzend Mitunterzeichnern:

We urge you to find a more suitable candidate to lead the ICRC during this turbulent time.

ICRC Letter, datiert vom 4. März 2024

Ins gleiche Horn bliesen auch die republikanischen Mitglieder des U.S.-Repräsentantenhauses, die sich kurz vor Ostern an U.S. Aussenminister Antony Blinken wandten. Sie feuerten die “volle Breitseite” ihrer Munition gegen Krähenbühl ab:

The ICRC needs leaders with stellar records. Regrettably, Krahenbuhl’s tenure at UNRWA was filled with controversy, alleged corruption, antisemitism, and reported mismanagement of funds as well. On his watch, Hamas built terror tunnels underneath UNRWA facilities, and UNRWA used Hamas’s playbook in its curriculum.

Letter from Rep. Darrell Issa, vom 25. März 2024

Es ist nicht zu erwarten, dass diese Politiker, die nota bene im Herbst zur Wiederwahl anstehen, sich mit blossem Briefeschreiben begnügen werden. Vermutlich werden sie “Hearings” anberaumen, vielleicht gar Pierre Krähenbühl vorladen. Das ist Politik, das ist Wahlkampf in den Vereinigten Staaten. All dies braucht aber das IKRK nicht, all dies ist hinderlich bei ihrer zweifellos notwendige und wichtige Arbeit gerade in diesen Zeiten! Auch daran müsste es der schweizerischen Aussenpolitik gelegen sein, und der Bundesrat hätte all dies vermeiden können. Ist ein Pierre Krähenbühl das alles Wert? Auch diese Frage, konkret an die Adresse von Aussenminister Ignazio Cassis, hat die NZZ bereits im Januar gestellt. Das Schweigen in Bern ist vielsagend!

Über Thomas Morvay 310 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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