Nie wieder – leider längst ein frommer Wunsch!

Das Buch meines Grossvaters, der zeitlebens kaufmännischer Leiter des Heimes für Kinder mit motorischer Behinderung in Budapest gewesen ist. 1944-45 versteckten sie ihn vor den Schergen der Pfeilkreuzler. Nur so konnte er überleben.

Letzte Aktualisierung am 5. Mai 2024 durch Thomas Morvay

Heute Abend beginnt in Israel Jom HaScho’a, der Gedenktag an den Holocaust und jüdisches Heldentum. Auch wenn ich nie ein Anhänger der damit verbundenen Losung “Nie wieder!” gewesen war, weil ich sie schon immer für einen unrealisierbaren Anspruch hielt, die letzten sieben Monate beweisen leider nur eins: unsere Welt ist längst wieder mitten drin im “wieder”!

An der Verleihung des Deutschen Filmpreises sagte die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer:

Als ich vor 14 Jahren zurückgekommen bin, hätte ich es mir nicht träumen lassen, was jetzt in der Öffentlichkeit los ist.
[…]
So hat es damals auch angefangen.

Margot Friedländers Apell an die Filmschaffenden

Ich bin nicht stolz darauf, aber ich hielt “Nie wieder!” seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts für einen bereits überholten Anspruch: damals konnte jeder sehen, der Augen hatte, und hören, wen die Natur mit hörenden Ohren ausstattete, dass es im deutschsprachigen Raum wieder möglich geworden war, über Hitler Witze zu reissen. Das war der Einstieg!

Der heutige virulente, sich feige als “Israelkritik” tarnende Judenhass scheint seit dem 7. Oktober 2023 , und ganz besonders seitdem Israel sich militärisch gegen das grösste Pogrom seit der Scho’a zu Wehr zu setzen begann, feiert Urständ. Es ist so abstossend omnipräsent, dass sich niemand ihrer Wahrnehmung entziehen kann! Was so manche seit Jahren sagen, dass nämlich die Welt bloss in Sonntagsreden weinend mit toten Juden auseinandersetzt, aber ihre wehrhaften Reaktionen darauf freimütig kritisiert und sich niemals daran gewöhnen wird.

Der arabische und muslimische Mob in den Grossstädten Deutschlands durfte monatelang offen die Vernichtung Israels fordern, und damit – ob es die ach so politisch korrekten Akteure wahrhaben wollten oder nicht – die Ausgrenzung und Verfolgung von Juden das Wort reden! Jede andere Interpretation ist im besten Fall Augenwischerei und im schlimmsten Realistätsverweigerung. Ich weiss es aus der eigenen Familiengeschichte, wie meine Verwandtschaft damals dachte: “es wird schon nicht so schlimm kommen”. Am Ende stand meine Mutter, für immer getrennt von ihren Elten, an der Rampe in Auschwitz. Am Ende schuftete mein Vater, den die ungarische Armee als Minenräumer und Kanonenfutter an die Ostfront verschleppte, in einem Steinbruch hinter dem Ural, drei Jahre lang als Gefangener der sowjetischen Roten Armee. Und, am Ende wurde mein Onkel, von den ungarischen Nazischergen halbtot geprügelt und vom Donauufer in Budapest nur durch einen glücklichen Zufall vor dem sicheren Tod gerettet.

Ich gedenke heute ihrer, und mit ihnen den anderen sechs Millionen. Zugleich jedoch, und das ist mein Anspruch, den ich von mir selbst und allen wohlmeinenden Mitmenschen abverlange, erhebe ich meine Stimme dagegen, dass ich und damit das jüdische Volk, erneut zu Opfern werden. Es geschieht heute wieder – aber es darf nicht wieder dort enden!

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Über Thomas Morvay 315 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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