Den Verschleppten gedenken

Referent und Organisatorin
Der Referent Gaby Spronz (Aktionsforum Israel) und die Organisatorin Gabriela Schlesiger (Jüdische Kultur Initiative) Foto: Thomas Morvay

Süddeutsche Juden sind bereits 1940 Opfer eines Gauleiters Wagner geworden, der sie erst ins im südwestlichen Zipfel Frankreichs gelegenen „Camps de Gurs“ verschleppen liess. Jene, den Transport überlebten erwartete ein schreckliches Lagerleben, erst in Gurs, später in Auschwitz. Die wenigsten kamen zurück. Ihrer gedenkt in diesen Tagen die Jüdische Gemeinde von Freiburg i.Br., mit einer Reihe von Führungen, Konzerten und Veranstaltungen.

Der 22. Oktober 1940 ist ein trauriges Datum: an diesem Tag wurde praktisch die gesamte jüdische Bevölkerung der südbadischen Stadt Freiburg im Breisgau deportiert. Auf Befehl des fanatischen Nazi-Gauleiters Robert Wagner wurden sie In der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober geheissen, innerhalb von 30 Minuten bis 2 Stunden sich reisefertig zu machen. Nicht alle überlebten den beschwerlichen Transport, doch auch nach der Ankunft in Südwestfrankreich erwartete sie ein schweres Schicksal: interniert wurden sie zunächst im berüchtigten Lager des Vichy-Regimes, im Camps de Gurs, welches bereits seit Mitte der 1930er Jahre im Betrieb war. Bis zum Schluss unter der administrativen Kontrolle der Franzosen, litten und starben hier Brigadisten des Spanischen Bürgerkrieges,, verschleppte Juden und verdächtige Ausländer als Feinde des Regimes.

Felix Rottberger, der gebürtige Berliner mit Jahrgang 1936, ist ehemaliger Verwalter des im laufenden Jahr 150 Jahre alt gewordenen jüdischen Friedhofs. Im Rahmen der Führung erfahren die Besucher nicht nur interessante Einzelheiten aus dem jüdischen Leben und seines Sitten und Gebräuchen, sie werden auch vertraut gemacht mit den Leben und den Schicksalen der hier beerdigten. Neben den zahlreichen Kahn und Levy, fanden hier auch namhafte Freiburger ihre letzte Ruhe: Mitglieder der Bankiersfamilie Mayer ebenso wie die Warenhausbesitzer Knopf oder die Politiker Grumbach und Anshäuser.

Auffallend häufig sind Grabsteine, welche zum Teil Spuren massiver Beschädigungen aufweisen. Ihre Geschichte ist begleitet von dem immer wiederkehrenden Satz Rottbergers: „… und dann kamen die Nazis“. Daher auch die besondere Häufung des Todesjahrs 1938, und die daran anschliessende Lücke von über 20 Jahren. Traurig stimmt auch, wenn der warmherzige Rottberger in den neuen Teil des Friedhofs führt, wo man nicht umhin kommt, die grosse Zahl slawischer Namen auf den Grabsteinen zu erkennen. Und im Gegensatz zum älteren Teil findet man hier Topfblumen auf den Gräbern.

„Wenn man heutzutage in Deutschland in eine Synagoge geht, muss man russisch können“, erwähnt Felix Rottberger. Mit wehmütiger Stimme merkt er an, dass es leider immer weniger deutsche Juden – wie ihn – gibt, und dass sich das Judentum eben hat anpassen müssen, an die Sitten und Gebräuche der aus dem Osten eingewanderten Glaubensbrüdern und -schwestern. Erst am Ende des Rundgangs, vor den Gedenksteinen an die gefallenen jüdischen Soldaten des Ersten Weltkriegs und mit Blick auf das Holocaust-Denkmal äussert er seine Hoffnung, dass doch deutsch-jüdisches Leben sich erhalten möge.

Man muss sich sputen, um rechtzeitig an den Ort der nächsten Veranstaltung zu gelangen: der seit Ende der 1970er Jahre in Deutschland lebende israelische Ingenieur Gaby Spronz präsentiert seine Familiengeschichte im Gebäude der Neuen Synagoge Freiburgs. Zwar behandelt der Vortrag in erster Linie die Ereignisse rund um den Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit, schildert Spronz nicht ohne Stolz, dass sich sein Ahnenbaum bis ins Spanien des ausgehenden 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, als seine Vorfahren nach dem Alhambra-Edikt fliehen mussten.

Über Italien gelangten sie im Laufe der Zeit ins Karpathen-Becken, also im Wesentlichen nach Ungarn und Siebenbürgen. Der Ausgleich mit Österreich (1867) brachte den ungarischen Juden die volle Emanzipation. Im Ersten Weltkrieg kämpften ungarische Juden ebenso selbstverständlich in der K.u.k. Armee, wie es ihre deutschen Glaubensbrüder für den Kaiser Wilhelm taten. Sie erhielten nicht nur Auszeichnungen für Tapferkeit, die Bedeutung von Juden in Wirtschaft und Kunst erreichte in jenen Jahren und bis zur Weltwirtschaftskrise ungeahnte Höhen. Dem setzte erst die Welle des Nationalismus in den 1930er Jahren ein jehes Ende, wo auch die ungarischen Juden nach und nach aus allen Bereichen des Lebens ausgeschlossen und schliesslich innerhalb von 3 Monaten aus praktisch allen ländlichen Gegenden und teilweise auch aus der Hauptstadt Budapest in die Todeslager deportiert wurden. Mehr als die Hälfte, rund 450’000, wurden ermordet, nur wenige kehrten in ihre alte Heimat zurück.

Auch die überlebenden Mitglieder der Familie Spronz wanderten zum Teil nach dem damaligen Palästina aus, und halfen mit, den Staat Israel zu begründen. So war nicht nur Gaby Spronz’ Vater Offizier in der israelischen Armee geworden, der sein Land in mehreren Kriegen gegen die anstürmenden arabischen Heere verteidigte; auch seine Mutter arbeitete in der sicherheitsrelevanten Verteidigungs-Industrie. Gegen Ende des Berichts schliesslich wird es klar, weshalb – jenseits der Losung “Nie vergessen” – die Geschichte von Familien, wie jene von Gaby Spronz, gerade heute erzählt werden muss. Erneut erstarkt ein ungesunder Nationalismus, nicht nur in Deutschland, sondern an vielen Orten der Erde. Am Beispiel eines Redeausschnitts von AfD-Fraktionschef Gauland, an einem Treffen im thüringischen Kyffhäuser im Jahr 2017, entlarvt Spronz die billige Rhetorik, mit der der Versuch unternommen wird, die Verbrechen zu relativieren: wenn Gauland Stolz auf die Wehrmacht einverlangt, so setzt ihm Spronz die Morde der deutschen Armee, auf ihrem Weg bis Stalingrad, entgegen. Ein starker, weil absolut notwendiger, Abschluss!

Der Vortrag geht nicht nur unter die Haut, und nicht nur beim Zuhörer bildet sich zuweilen ein Kloss im Hals. Auch die Stimme des Vortragenden versagt zwischendurch. Wohl auch deswegen wurden kleine musikalischen Pausen eingeflochten, vorgetragen durch die wunderbaren Markus Schillberg und Nadine Gläser. Die Lieder, von “Dance Me To Te End Of Love” des jüdischen Barden Leonhard Cohen, über “Jerusalem aus Gold”, der Hymne des Sechs-Tage-Krieges von 1967, bis hin zur Hatikva (“Hoffnung” – die israelischen Nationalhymne), bei der sich eine Zuschauerin spontan erhob, waren klug gewählt. Und wenn auch nur ein Zuhörer nach dem Vortrag die Neue Synagoge verliess, und in der frischen Herbstnacht noch ein wenig über das Gehörte nachsann, hat der Vortrag sein Ziel erreicht. Und darum muss es doch wohl gehen, am Ende dieses Tages: aufzurütteln, um die Chance auf “Nie wieder!” zu bewahren.

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Über Thomas Morvay 198 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Als Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit auch als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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