Nach dem Attentat – was nun?

Dass dieses Bild niemals aus dem Strassenbild in Zürich verschwinde! Jüdische Familie an der Bahnhofstrasse in Zürich. (Lizenz: imago; Copyright: Geisser)

Letzte Aktualisierung am 4. März 2024 durch Thomas Morvay

Nach Ende des Shabbat griff ein minderjähriger Schweizer mit tunesischen Wurzeln einen orthodoxen Juden im Zentrum Zürichs an und verletzte ihn schwer. Während Schweizer Juden diese Nachricht nur schwer verdauen können, setzen auf allen Seiten die automatischen Reflexe ein: ein Solidaritätsmarsch am Sonntag, die Vereinnahmung des Ereignisses im Zürcher Parlament und natürlich jede Menge Erklärungsversuche. Hier der Versuch einer Einordnung.

Bereits in den ersten Berichten über die Tat wurde ein islamistischer Bezug hergestellt: der Angreifer, der einen orthodoxen Mann mittleren Alters mit unzähligen Messerstichen schwer verletzt hatte, schrie angeblich “Allahu Akbar”, er wurde gleich als arabischstämmig identifiziert. Erst viel später gaben die Ermittlungsbehörden Einzelheiten zur Identität des Angreifer bekannt – die Meinungen waren da längst gemacht. Damit das nicht falsch ausgelegt wird, es wird hier keineswegs versucht, die mittlerwewile feststehenden Details weg zu diskutieren, zu relativieren oder zu verharmlosen. Nuzr, wir sind auch nicht bereit, uns über die Motive des Täters spekulativ auszulassen. Das ist nicht nur verkehrt, es ist auch kontraproduktiv und nicht geeignet, sicch mit dem Thema auseinander zu setzen. Wie gesagt, das ist ein Automatismus, der schon in der Vergangenheit zu beobachten war. Und wir sind nicht bereit, uns über die Psyche, oder die Erziehung eines Halbwüchsigen etwas zusammen zu phantasieren.

Aktuell, also mit rund 2 Tagen Abstand zum Geschehen, hört man von Ansgt und Panik in jüdischen Kreisen, vom Hochfahren der Sicherheitsdispositive bei den “einschlägigen jüdischen Einrichtungen”. Und es wird mit der grossen Kelle an Schuldzuweisungen gearbeitet. Das sind Scheingefechte, Spiegelfechtereien. Das hat mehr mit Ohnmacht, Fassungs- respektive Hilflosigkeit zu tun, als dass es konkret einen irgendwie gearteten positiven Effekt erzeugen würde!

Wie heute im Parlament, als ein SVP-Vertreter nichts besseres wusste, als anlässlich der – selbstverständlich umgehend traktandierten – Stellungnahme durch die Direktionsvorsteherin der Justiz und des Innern Jacqueline Fehr, für die Volkspartei sprechende Tobias Weidmann eine Fraktionserklärung abgab, die Ratslinke zum Protest-Auszug aus dem Ratssaal nötigte. Weidmann warf ihnen nämlich Heuchelei vor. Der Antisemitismus heute käme nämlich nicht von rechts, sondern aus der linken Ecke, die ihren Judenhass als “Israelkritik” kaschierte. Damit lag er zwar nicht grundsätzlich falsch, allerdings so neu ist das auch wieder nicht. Spätestens seit Willy Brandt und Olof Palme die Sozialistische Internationale auf strammen Ölscheich-freundlichen Kurs gebracht hatten, ist inzwischen rund ein halbes Jahrhundert vergangen. Doch während sich auch in der Schweiz – wie im grossen Kanton die “Alternative für Deutschland” – die Schweizerische Volkspartei betont israelfreundlich gibt, hat man jedoch aus deren Reihen auch schon andere Dinge gehört.

Was aber braucht es denn in dieser Situation? Auf jeden Fall kein Wegducken, kein Sich-Verstecken. Man besinne sich etwa auf die häufiger gehörte Aussage, für den Judenhass brauchte es gar keine Juden. Und, etwas salopp dahergesagt, sie hassen uns eh schon, also dürfen wir uns auch dazu bekennen, wer wir sind!

Über Thomas Morvay 310 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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