Was will uns Dr. Schuster sagen?

Dr. Josef Schustere, Präsident Zentralrat der Juden in Deutschland, roter Teppich, Red Carpet Show, 40. Deutscher Sportpresseball in der Alten Oper Frankfurt, am 05.11.2022. (Copyright: imago / Sven Simon)

Berlin – Dr. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, versucht in seinem heutigen Gastbeitrag im Tagesspiegel, aus beiden Winkeln seines Mundes gleichzeitig zu sprechen. Das geht, wie könnte es anders sein, kolossal schief! Zugleich erweist er damit nicht nur den deutschen Juden einen Bärendienst: es ist kaum vorstellbar, dass dieser Versuch, es möglichst allen recht zu machen, gut ankommt.

Es geht nicht an, dass er eingangs davon spricht, es gäbe „zwei Judentümer“! Eigentlich wäre es doch Aufgabe des Zentralrates, jedem Versuch das Judentum zu spalten, entschieden entgegenzutreten. Selbst wenn diese Behauptung ursprünglich von Prof. Michael Wolffsohn aufgestellt wurde (https://www.wolffsohn.de/cms/images/Snippets_pdf/spiritualitaet%20jued.pdf), wird sie durch die Wiederholung nicht richtig.

Was war und ist des Juden Heimat – Israel oder die Diaspora? Der Historiker Michael Wolfssohn beantwortete diese Frage unlängst mit dem Hinweis, diese Entscheidung sei immer nur individuell. So gebe es aber immer zwei Judentümer. Eines im Land Israel und eines in der Diaspora – beide auch in sich kaum einheitliche Gebilde.

Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster, im Tagesspiegel 12.01.2023

In der Folge stellt Dr. Schuster selbst verschiedene Behauptungen auf, vielleicht bewusst überspitzt formuliert, ohne sie auch nur andeutungsweise zu belegen.

Es geht nicht spurlos an den jüdischen Gemeinschaften der Diaspora vorüber – nicht, wenn Minister dieser Regierung sich in rassistischer, diskriminierender und verstörender Weise äußern. Positionen, die innerhalb der jüdischen Welt nicht mehrheitsfähig sind.

Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster, im Tagesspiegel 12.01.2023

Der in diesem Zitat, in der ursprünglichen Fassung, verlinkte Beitrag benennt weder die angesprochenen Minister, noch ihre angemahnten Äusserungen. Ob dies auf eine redaktionelle Anpassung der Worte Dr. Schusters durch den „Tagesspiegel“ zurückzuführen ist oder auch im Original so geschrieben worden war, lässt sich von hier aus nicht eindeutig eruieren. Dass anschliessend sogar postwendend erklärt wird, es dürfe „keine reflexartige Abkehr von Israel“ geben, macht es nicht einfacher, denn es hat dies niemand bisher getan. Wieso argumentiert der Zentralrats-Präsident eine fiktive Sache, quasi proaktiv?

Es scheint so, als würde Dr. Schuster versuchen, den mehrheitlich linkslastigen, wortgewaltigen Kritikern der neuen Regierung, in Israel und auch in Europa und Deutschland, schmeicheln wollen, um deren Reaktionen auf die erfolgreiche Bildung der neuen Koalition nachzueifern. Dazu passt auch die Behauptung, „weite Teile der israelischen Bevölkerung“ lehnten „den angekündigten Kurs der neuen Regierung ab“ und er beruft sich dabei auf Meinungsumfragen – ohne eine einzige Zahl zu nennen. Als ob die letzten Wahlen in Israel, die diese Koalition hervorgebracht haben, nicht erst vor 2 Monaten stattgefunden hätten!

Für Schuster ist der Besuch Ben-Gvirs auf dem Tempelberg eine Provokation, „das steht ausser Frage“. Um gleich hinterher zu schicken:

Der Besuch des neuen Ministers für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, auf dem Tempelberg nur Tage nach seinem Amtsantritt war eine Provokation, das steht außer Frage. Eine Provokation allerdings, die den geltenden Status Quo dieses Ortes nicht verletzte.

Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster, im Tagesspiegel 12.01.2023

So wichtig der Hinweis ist, dass auch die Reaktionen in der arabischen Welt auf die angebliche „Provokation“ gewesen seien, weil diese an der Fortführung der „Abraham Accords“-Politik bedacht wären, passt sie nicht in die Argumentation. In diesem Kontext auch noch auf den Besuch Ariel Sharons auf dem Tempelberg, am Vorabend der Zweiten Intifada, zu verweisen, ist polemisch, weil es dazu keinen Anlass gibt, und auch, weil es schon damals keine Verbindung zwischen den beiden Ereignissen gab. Wie man heute weiss, hatte Arafat die Intifada bereits abgesegnet, bevor er in Camp David mit dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak und dem US-Präsidenten Bill Clinton „verhandelte“.

Der Zentralrats-Präsident sollte es eigentlich wissen, dass Juden noch nie dafür belohnt wurden, wenn sie versuchten, ihren Kritikern oder auch den Judenhassern nach dem Mund zu reden. Diese defätistisch-besänftigende Haltung hat noch nie funktioniert. Sie wird es auch heute nicht schaffen. Und sie ist gar kontraproduktiv, auch und gerade zu einer Zeit, als Israel durch ihren bedeutsamsten Unterstützern, in Presse-Statements und vor dem UNO-Sicherheitsrat, Kritik anhören muss. Gerade jetzt wäre es, im Gegenteil, dringend notwendig zusammen zu stehen!

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Über Thomas Morvay 246 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

6 Kommentare

  1. Dr. Josef Schuster nehme ich als die Person war, die versucht hat, Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka, mit “ich habe gehört”-Zitaten, verdrehten Tatsachen und Unwahrheiten zu zerstören.

    Das Judische Gesetz, “Du wirst kein falsches Zeugnis ablegen”, gilt für ihn nicht. Pfui.

    • Danke für Deine Einlassung. Ist denn diese Angelegenheit in Berlin nun abgeschlossen, ich dachte, das sei noch immer ein laufendes Verfahren.

          • Ohne Alex eventueller Antwort vorgreifen zu wollen: ich weiss, dass Homolka für ihn und seiner Frau eine „Herzensangelegenheit“ ist. Da ich dazu zu wenig weiss, will ich mich nicht weiter dazu äussern. Ansonsten gäbe es von mir einen Beitrag.

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