Weiterungen im Essener Synagogenanschlag: nur Ermittlungstaktik?

Eröffnung der Wanderausstellung Menschen, Bilder, Orte 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland . Die Alte Synagoge in Essen. In deren Hauptraum wurde am 2. März 2021 die Wanderausstellung 1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland eröffnet. Im Inneren von vier Kuben wurde auf Bildschirmen sowohl rein informierend als auch interaktiv informiert. Essen Nordrhein-Westfalen Deutschland (Copyright: imago /Klaus W. Schmidt)

Düsseldorf – Schüsse auf das Rabbinerhaus der Alten Synagoge Essen. Zu diesem Thema gab am Freitag Nordrhein-Westfalens Innenminister im Landtag, hinter verschlossenen Türen, Auskunft. Erst in der Pressekonferenz danach wurde bekannt – und in einer Pressemitteilung der General-Staatsanwaltschaft Düsseldorf mittlerweile bestätigt – welche möglichen Weiterungen es zu diesem Fall sich ergeben könnten. Erinnerungen werden wach!

Am Morgen des 18. November entdeckten Passanten Spuren eines Anschlags auf das Rabbginerhaus der Alten Synagoge in Essen. Die ausgerückte Polizei sicherte die Spuren von vier Einschusslöchern am Eingang zum Gebäude, es wurde eine Fahndung nach dem mutmasslichen Täter eingeleitet, NRW-Innenminister Reul sicherte der jüdischen Gemeinde vor Ort Aufklärung zu. So weit, ein leider sattsam bekanntes Geschehen. Leider, weil dies nach jedem Anschlag gegen Juden in Deutschland gleich abläuft und vermutllich auch in Zukunft ablaufen wird.

Doch gab es auch scheinbare Widersprüche, etwa die Aussage, dass einerseits Videomaterial vorläge, welche den “mutmasslichen Schützen” zeigte, aber andererseits keine konkreten Angaben zur Tatzeit gemacht wurden. Die Fahndung laufe auf Hochtouren. Aufmerksame Leser liess dies die Stirn runzeln: selbstverständlich kann aus sog. “ermittlungstaktischen Gründen” nicht immer alles offengelegt werden, aber dann würde man erwarten, dass die Auskünfte entsprechend koordiniert und aufeinander abgestimmt sind.

Etwas Licht ins Dunkel kommt nun genau eine Woche danach: am Freitagmorgen ist Nordrhein-Westfalens Innenminister im Landtag, er berichtet dem Innenausschuss über die Ereignisse und Erkenntnisse – hinter verschlossenen Türen. Anschliessend gibt er jedoch in einer Pressekonferenz Auskunft, und enthüllt wichtige Einzelheiten. So berichtet er von einer weiteren Straftat, einem Brandanschlag auf ein Gymnasium in Bochum, das rückwändig an die dortige Synagoge anschliesst, sowie einem geplanten Attentat auf die Synagoge in Dortmund, welche jedoch nicht zur Ausführung gelangte. Den Grund hierfür nennt Reul ebenfalls: ein Zeuge, der zu diesem Attentat angestiftet worden sein soll, lehnte eine Beteiligung ab und offenbarte sich der Polizei.

Eine Pressemitteilung der die Untersuchungen leitenden Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf, herausgegeben nach Reuls Auftritt vor der Presse, bringen auch Licht ins Dunkel, was die Widersprüchlichkeiten in den Verlautbarungen am Morgen nach der Tat betrifft. Demnach befand sich bereits zu diesem Zeitpunkt ein verdächtiger Deutsch-Iraner in Untersuchungshaft, dessen Wohnung bereits dannzumal durchsuht worden sein soll. Im “Kölner Stadt-Anzeiger” werden Ermittler zitiert, welche es nicht ausschlössen, “dass der Verdächtige vom iranischen Regime beeinflusst wurde”. Der Generalbundesanwalt werde deshalb über den Fortgang der Untersuchung informiert.

Spätestens hier werden, zumal bei älteren Lesern, Erinnerungen wach: es war 1986, als der Bombenanschlag auf die Berliner Diskothek “La Belle” verübt wurde. Während die USA umgehend im libyschen Diktator Gaddafi beschuldigten, haben deutsche offizielle Stellen sich sehr zurückhaltend geäussert. Zumindest, bis nach dem Fall der Mauer die Stasi-Akten es an die Öffentlichkeit brachten: Drahtzieher waren Botschaftsangestellte in Ost-Berlin. Es dauerte bis 2001, bevor der Bundesgerichtshof die libysche Beteiligung gerichtsfest feststellte. Aktuell beschleicht einen ein ähnlich ungutes Gefühl, wenn man den zaghaften Fingerzeigen deutscher Stellen zuschaut. Etwas abgeschwächt vielleicht gegen die Mullahs, die gerade protestierende Bürger im Land abschlachten. Ein Eiertanz ist es allemal – zu gross sindoffensichtlich die wirrtschaftlichen Verflechtungen mit dem Iran.

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Über Thomas Morvay 220 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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