Was heisst «Nie wieder ist jetzt»?

Berlin, Deutschland, 24.09.2025: Die Linken-Abgeordneten Vinzenz Glaser, Cansin Köktürk, Charlotte Neuhäuser und Lisa Schubert entrollen am 24. September im Bundestag eine Palästinenser-Flagge (Lizenz: imago-images.de; Copyright: / picture alliance / dts-Agentur )

An diesem Wochenende ertönt sie wieder: die Losung, mit der allenthalben beschworen wird, der 9. November 1938 dürfe sich niemals wieder ereignen. Mit Verlaub, wie kann man nur so naïv sein!

Gewiss, heute werden wohl keine Synagogen mehr abgefackelt, keine jüdischen Geschäfte systematisch überfallen und geplündert. Und ich möchte hoffen, sie werden ganz bestimmt nicht durch voyeuristisch beistehenden Massen «gewöhnlicher» Bürger johlend angestachelt und ermutigt.

Doch der Judenhass hat sich längst «emanzipiert» und kommt in der Form von «Israelkritik» daher. Ein illustratives, weil erhellendes Beispiel dafür erscheint heute in der deutschen BILD-Zeitung: die Parteileitung «Der Linke» sieht sich mit einem «Antisemitismus-Skandal» konfrontiert und bekommt «Angst vor Unterwanderung» durch ihre Jugendorganisation. Und auch jene schmücken sich mit der verharmlosenden Phrase, «man wird ja wohl noch …». Mit ihr wird genau das normalisiert, wovon man vorgibt, es dürfe sich nicht wiederholen.

Längst sind auch sie wieder Normalität geworden, die Stereotypen vom geld-hungrigen Juden, die sich durch Arglist in Positionen «einschleichen», die ihnen doch gar nicht zustehen, die «schon wieder» sich – eine zumeist dunkle – Mächtigkeit anmassen. Und, weil es immer noch einfacher ist, auf das ferne Israel zu zeigen, als auf «den Juden», die neben einem stehen: «Ja, ist doch so!»

Auch mir wurde, von Kindesbeinen an beigebracht, dass das bloss verblendete Neider sind. Dass man sie doch aufklären kann, und sie ihre «falsche Optik» dann schon erkennen werden und «bessere Menschen» werden würden. Und dass ich selber, deswegen erst recht, tugendhafter werden müsse. Dass ich nach Vollkommenheit zu streben habe, die Schwächen mir ja nicht angewöhnen dürfe, die mir «von denen» eh angedichtet werden. Dass es nicht darauf ankomme, was andere in bezug auf mich meinen, sehen zu müssen. Aber dass ich, quasi Sysiphus-haft und an eine stets steile Bergtour gemahnend, mich anstrengen müsse. Bezeichnenderweise endeten diese Ermahnungen immer in der Begründung, dass ich «ihnen» ja sonst die billigen Anlässe bieten würde, mich anklagen, entlarven, blossstellen zu können: also doch, was andere in mir sähen.

Ich habe ein halbes Leben gebraucht, mein Wertesystem zu entwickeln – und bis ich einsah, dass ich wohl bis an mein Lebensende daran arbeiten müsse. Für mich und nicht für die Anderen. Und so für mich mein Weltbild erschaffen habe, in der quasi der Weg – das stete Arbeiten an mir – zum Ziel wurde. Und mich dadurch vom unmöglich zu erfüllenden Anspruch des «nie wieder» zu einer realistischerweise eher zu erreichenden «täglich besser werden» emanzipieren konnte. Einfacher wurde es dadurch nicht. Aber ich konnte dadurch mit mir «ins Reine» kommen. Und das ist schon mal mehr als nichts!

Dieser Beitrag wurde aktualisiert durch Thomas Morvay, vor 1 Monat ago

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Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

1 Comment

  1. Herr Morvay, Ihre Ermahnungen sind ja wohl die ultimative Sysiphus-Haft, nicht wahr? Man müsste ja ständig arbeiten, nur um den Leuten den billigen Anlässen zu entziehen, sie uns anzuklagen. Ich finds das aber gut! Ist ja nicht alles nur Werte für mich, wenn man gleichzeitig darauf achten muss, keine billigen Anlässe zu bieten. Man lernt da wirklich, wie man ein starker, tugendhafter Mensch wird – oder zumindest den Anschein erweckt. Vielleicht sollten wir alle mehr auf solche Anlässe achten und uns dann erst mal selbst ein Bild machen, statt immer nur auf das ferne Israel zu schauen. Ist ja schließlich einfacher und man muss sich weniger anstrengen, die eigene Optik zu prüfen.

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