Warum die EU kein Partner zum Frieden sein kann

Der Hohe Vertreter der Europäischen Union Josep Borrell, anlässlich seines Besuchs in Stockholm am 8. März 2023

Letzte Aktualisierung am 16. März 2023 durch Thomas Morvay

Strassburg – Die letzte Stellungnahme von Josep Borrell zu Israel vor dem Europäischen Parlament ist eine Zumutung, insbesondere jedoch des höchsten, aussenpolitischen Vertreters der Europäischen Union unwürdig. Von einem Politiker mit der Erfahrung des ehemaligen spanischen Aussenministers ist sie inakzeptabel. In der Folge hat Israel zu Recht angekündigt, dass Borrell in Jerusalem nicht willkommen ist.

Eingangs in seiner Rede hob der Hohe Vertreter die Bedeutung der gemeinsamen Erklärung aller 27 Mitgliedsländer der EU vom 8. März hervor, nämlich dass es seit Jahren die erste Verlautbarung zum Thema war, was alle mittragen konnten. Was Josep Borrell nicht sagte, aber kaum dem aufmerksamen Leser entgangen sein konnte: der kleinste gemeinsame Nenner beinhaltet keine konkreten Forderungen an die palästinensische Führung und erschöpft sich in Platittüden. Umgekehrt ist die Liste der Vorhaltungen an Israels Adresse sehr konkret und detailreich. Der Siedlungsbau, die eh pauschal illegal sind, die gewalttätigen jüdischen Siedler, die Verhältnismässigkeit militärischer Operationen, die humanitäre Lage in Gaza, sich aus der Abschottung der Enklave ergebend – sie alle seien zudem Hindernisse für den Frieden. Die Absicht ist klar: einzig Israel trägt eine Schuld daran, dass es seit über 10 Jahren keine Fortschritte in Richtung Frieden gibt.

Settlements are illegal under international law. Israel must stop settlement expansion, prevent settler violence, and ensure the perpetrators are held accountable. Military operations must be proportionate and in line with international humanitarian law. There must be an immediate end to terror attacks, which should be condemned by everyone, and to practices that support them. The humanitarian situation in the Gaza Strip requires further easing of restrictions.

Rede von Josep Borrell im Europäischen Parlament am 14. März 2023

Was darauf folgte, erstaunt in höchstem Mass: interpretierend spricht Borrell über konkrete Einzelheiten seines Telefonats mit Israel Aussenminister Eli Cohen. Dieser sei nicht erfreut gewesen über die angesetzte Debatte des Parlaments. In diesem Zusammenhang bejammert er, dass er “schuldig” sein soll für Positionen der Mitgliedstaaten: ja was denn sonst, wenn nicht die offizielle Stimme der Union in aussenpolitischen Fragen, ist er denn? Und ist es nicht möglich, dass die Kritik dem Amt gilt, den er bekleidet? Man ist geneigt, Josep Borrell mit den unvergesslichen Worten des US-Präsidenten Harry S. Truman zu entgegnen: “If you can’t stand the heat, get out of the kitchen!”.

I spoke this morning on the phone with Israeli Foreign Minister Eli Cohen, who was not very happy about this debate. He was concerned and asking why the European Parliament is interfering in internal affairs of Israel – once again, blaming me. I am sorry, I am coming to the [European] Parliament and if the [European] Parliament calls me to discuss about something, I have to come, isn’t it? It is not me who put this title “Deterioration of democracy in Israel and the consequences in the occupied territories”, it is the political groups.  

This parliament is free to discuss everything they consider important. And that is what I tried to explain to the Israeli minister [in a] very friendly [way]: “Look, it is normal that the parliamentarians are concerned for the growing spiral of violence in Israel and the occupied Palestinian territory, and [there is] the need for all sides to de-escalate the situation.” 

I mentioned this agreement that we – the 27 Member States – reached, where, of course, we condemn terrorism. Of course, we fully recognise Israel’s right to defend itself. And we certainly never draw comparisons between operations by the Israeli military and the actions of terrorists. But we have to call for the proportional use of force. Nor do we [tolerate] any kind of funding activities that could encourage incitement. 

Of course, we are a strong believer in the two-state solution, and there is no – we believe – viable alternative to that. With our international partners, we will continue to work for a peaceful solution to the conflict.  

And I am using this Parliament to say that – I suppose you agree – the European Union has to engage in looking for peace in the Middle East. And that the Middle East Peace Process is something that matters to us, and we are engaged in that. Maybe someone does not like it, but we do it because we believe that it is our contribution to the security in the region and to our security too.

Rede von Josep Borrell im Europäischen Parlament am 14. März 2023

Unmittelbar anschliessend daran, desavouiert sich Borrell selbst, indem er einen absolut unakzeptablen Seitenhieb zu platzieren. Der höhnische Unterton ist unüberhörbar!

… we have known Israel for its vibrant democracy, that is true. So vibrant that we have seen five elections in the past three years – very vibrant. Five elections in three years shows quite a dynamic electoral process.

Rede von Josep Borrell im Europäischen Parlament am 14. März 2023

In diesem Stil geht es weiter. Ganz besonders sticht eine Aussage ins Auge, mit der Josep Borrell, einem Fussball-Supporter gleich, am Spielfeldrand zu stehen scheint, um seine Mannschaft anzuspornen. Was es in diesem Zusammenhang soll, wenn er zugleich betont, er wäre nicht “Teil dieser Debatte”, entzieht sich dem Beobachter. Ja, was denn sonst?

And I do not want to prejudge the outcome of this debate. I am not part of this debate, I am just saying that this debate is taking place.

We are a close observer because Israel is a key partner, and our shared values are based on a democratic and open society and the rule of law. We expect this to continue. 

And if we have concern, if you have concerns, you will not hesitate in expressing them and conveying them, as you do in any part of the world.

Rede von Josep Borrell im Europäischen Parlament am 14. März 2023

Spät, eigentlich zu spät, wenn man den Tenor der Gesamtrede sieht, ringt sich sodass der Hohe Vertreter zu einer Positionierung gegenüber der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) durch. Unverkennbar dabei: es gibt keinen direkten Zusammenhang zum Terror, als wäre nicht die PA direkt für die systematische Indoktrination von Kindesbeinen an direkt verantwortlich – auch in den UNRWA-Schulen in Gaza wird nach dem Curriculum der PA, mit PA-Schulbüchern gelehrt. Die Forderung, die diversen Fraktionen müssten sich aussöhnen, hat ebenfalls keinen direkten Bezug zur, seit Frühjahr 2021, aufflammenden Terrorwelle. Der Aufruf zur Fortsetzung der Sicherheitskooperation, klingt höhnisch, solange der Redner verschweigt, dass diese einseitig von PA-Präsident Abbas aufgekündigt wurde, nachdem seine Polizei tatenlos dem Terror zugeschaut hat, und die Festnahme von Terroristen in “Flüchtlingslagern” auf dem Gebiet der PA durch die israelische Armee IDF erfolgen musste.

But the Palestinian Authority must act too. They must redouble their efforts in terms of security cooperation, and work to prevent acts of terror that have claimed many Israeli lives. It is equally important that the Palestinians work towards reconciliation in order to reunite the Palestinian territories under one single legitimate authority. Palestinian factions should engage constructively in reconciliation talks. Palestinian people deserve the right to vote in national democratic elections to renew the legitimacy of their leadership. This is important also in view of future peace talks.

Rede von Josep Borrell im Europäischen Parlament am 14. März 2023
Video der Rede Josep Borrells, zur Verfügung gestellt durch das Audiovisuelle Portal der Europäischen Union

Es dürfte kaum seine Absicht gewesen sein, aber durch den hier dargelegten Mangel an Professionalität hat der oberste aussenpolitische Vertreter der Europäischen Union eindrücklich gezeigt, weshalb Europa, weshalb die EU im Nahen Osten keine Rolle spielen darf. Wenn dieser dilettantische Clown das Beste ist, was Europa aussenpolitisch zu bieten hat, wenn er quasi der kleinste gemeinsame Nenner der 27 Mitgliedsländer ist – Gute Nacht!

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Über Thomas Morvay 318 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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