Verschieben reicht nicht!

Denkmal an der Grossen Hamburger-Strasse in Berlin (Copyright: Tamas György Morvay)

Gestern berichteten wir an dieser Stelle über eine für morgen – am Jahrestag der Pogromnacht von 1938 – geplante Veranstaltung, mit dem fragwürdigen Titel “Den Schmerz der Anderen begreifen”. Nach heftigen Protesten, und dem kolportierten Eingreifen offizieller deutscher Stellen, wurde nun die Veranstaltung um 4 Tage verschoben. Die Organisatoren haben anscheinend noch immer nicht begriffen, was da gerade falsch läuft.

Wie an dieser Stelle gestern berichtet worden ist, planten das Goethe-Institut und die Rosa Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv ausgerechnet am Jahrestag der der November-Pogrome von 1938 eine Diskussionsrunde darüber, dass die deutsche Erinnerungskultur insoweit neu gedacht werden muss, denn was für Juden der Holocaust ist, ist im kollektiven Gedächtnis von palästinensischen Arabern das, was sie “Nakba” (zu deutsch “Katastrophe”) nennen. Der Diskurs ist geprägt durch den Begriff des “Siedler-Kolonialismus”, womit unreflektiert und undifferenziert die Argumentationsschiene der Palästinenser übernommen wird.

Die Empörung war riesig: in einem Tweet machte der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor das Thema einem grösseren Publikum bekannt:

Nach bisher nicht bestätigten Berichten, u.a. in der Zeitung Jüdische Allgemeine, wandte sich der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck an das deutsche Auswärtige Amt, und drängte auf eine Intervention. Das Goethe-Institut ist, so die Kritiker des Anlasses, ist mit einem Rahmenvertrag in die deutsche Politik eingebunden, und die der Linkspartei nahestehende Rosa Luxemburg Stiftung ist Empfänger von, aus Steuermitteln finanzierten, Hilfe in mehrstelliger Millionenhöhe.

Es muss an dieser Stelle deutlich gesagt werden: die Verschiebung der Veranstaltung um lediglich wenige Tage ist absolut ungenügend als Antwort auf die angemahnten konzeptionellen Fehler des Anlasses. Es ist nicht einzusehen, warum einer fehlgeleiteten Autorin des Buches, dessen Titel zum Motto der Veranstaltung geworden ist, überhaupt eine so prominente Plattform eingeräumt werden muss. Wenn die Dame ihre verschrobene Ideologie unter die Menschen bringen will, soll sie sich zumindest nicht an das Goethe-Institut, und damit an ein vermeintliches Aushängeschild Deutschlands in aller Welt, stützen können. Wenn sich das Goethe-Institut dergestalt instrumentalisieren lässt, muss die Frage erlaubt sein, wo die Verantwortung dafür liegt, in- und ausserhalb des Instituts. Als Einstiegsfrage stelle man sich dabei vor, warum sich die Verantwortlichen eine Vermischung von Kultur und Politik für eine gute Idee hielten, was hat also das Goethe-Institut an einer Veranstaltung der Linkspartei und umgekehrt zu suchen!

UPDATE vom 9.11.2022: zu meiner journalistischen Anfrage ans Auswärtige Amt wurde mir erklärt:

Die Singularität des Holocausts darf aus Sicht des Auswärtigen Amts zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt werden. Das ist auch eine Selbstverständlichkeit für die deutsche Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik und eine elementare Grundlage der Zusammenarbeit mit allen Mittlerorganisationen.

Schriftliche Stellungnahme aus dem Auswärtigen Amt

Darf daraus abgeleitet werden, dass das Amt auf eine Absage der Veranstaltung oder zumindest auf einen Rückzug des Goethe-Instituts drängt? Offensichtlich, zumindest bisher, mit wenig Erfolg. Denn auf der die Veranstaltung ankündigenden Seite des Goethe-Instituts, steht nur:

Die Erinnerung an die Shoah und das Gedenken der Opfer ist dem Goethe-Institut ein großes Anliegen, dem wir uns in zahlreichen Projekten widmen. Wir bedauern, dass die Wahl des Datums einer Panel-Diskussion aktuell zu Irritationen geführt hat. Deshalb verschieben wir nach Abstimmung mit den Referent*innen diese auf Sonntag, den 13.11.2022.

Das Goethe-Institut steht für Verständigung und Dialog. Darum geht es in der geplanten Diskussion. Die beiden Referenten aus Israel sind anerkannte Experten auf dem Feld der Erinnerungskultur und der Versöhnungspolitik. Gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung haben wir sie eingeladen, um anlässlich einer aktuellen Publikation der Journalistin Charlotte Wiedemann dieses Thema differenziert zu beleuchten.

Quelle: Goethe Institut Israel

Ich habe das Goethe-Institut umgehend angeschrieben und um eine Stellungnahme gebeten.

UPDATE 11.11.2022: sie haben mir zwar nicht direkt geantwortet, jedoch erschien heute die folgende Notiz zur bereits einmal verschobenen Veranstaltung. Auch wenn der letzte Abschnitt darauf hindeutet, dass sie weniger von Einsicht geleitet wurden, sondern sich dem Druck beugen mussten, was zählt ist das Resultat!

Ich bin stolz, meinen Beitrag dazu geleistet zu haben, dass diese Veranstaltung auf der Müllhalde der Geschichte entsorgt wird!
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Über Thomas Morvay 210 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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