Kommentar: Würdigung kommt von Würde!

Am Holocaustdenkmal der Villa Zanders in Bergisch-Gladbach lud der neue Städtepartnerschaftsverein Ganey Tikva-Bergisch Gladbach e.V. zu einer Gedenkfeier für die Reichspogromnacht vor 84 Jahren. Reden, Gesang und gar ein kleines Theaterstück verhallten am frühen Abend des 9. November 2022.

Zürich (CH)/Bergisch-Gladbach (D) – In Ermangelung eines in Zürich gehaltenen Gedenkanlasses an die Reichspogromnacht von 1938 – vielleicht habe ich sie auch bloss verpasst – ergreife ich dankbar die Gelegenheit, den Anlass an einem Ort, mit dem ich freundschaftlich verbunden bin, zu kommentieren.

Letzte Aktualisierung: 14. Nov 2022 @ 23:34

Ich sehe es ja ein: es ist nicht leicht, Jahr für Jahr originell zu bleiben. Und vielleicht ist es ein gar zu hoher Anspruch, den ich an die Veranstalter stelle. Denn es geht um ein Thema, bei dem nicht nur Deutsche häufig der Versuchung erliegen, einen Eiertanz zu vollführen. Gerade deswegen hatte ich beim Betrachten des Films die Erinnerung, wie man früher im Jahr 2022 sich stolz, und in episch-multimedialer Breite, daran erinnert hatte, dass es in dem Land “jüdisches Leben” seit 1700 Jahren gibt.

Michael Zalfen, der stellvertretende Vorsitzende des Städtepartnerschaftsvereins Ganey Tikva – Bergisch Gladbach, beginnt seine Ansprache mit einer sehr wichtigen Frage: warum gedenken wir?

Gedenken an die Untaten des national-sozialistischen Diktats (sic.) ist notwendig, um die Opfer zu würdigen und um ihr Schicksal wahrzunehmen. Gedenken ist ebenfalls wichtig, weil diese Untaten zu unserer Geschichte und auch zu unserer Identität gehören. Wer seine Geschichte ausblendet, der versteht die Gegenwart nicht und stellt falsche Weichen für die Zukunft.

Michael Zalfen, Mitschrift des Videos

Das liess mich aufhorchen: nicht, dass dies grundlegend falsch wäre, aber will der Redner tatsächlich sagen, die Schoah wäre identitästiftend sowohl für die Nachfahren der Opfer wie auch der Täter? Für mich war dieser Bogen zu weit gespannt: ich erwarte von einem Redner dieses Gedenktages keine Schnellbleiche in Staatskunde und Demokratieverständnis. Aber ich erwarte, dass er gedenkt. Mit dieser Einleitung hat mich Zalfen nicht davon überzeugt, dass er das Leid der deutschen Juden verstanden hat und dieses seinen Zuhörern verständlich machen kann. Schlicht irrelevant in dem Zusammenhang des Gedenktages ist auch die Anschlussfrage, wie man sich denn in der damaligen Situation selbst verhalten hätte. Sie ist unhistorisch, und sie bleibt theoretisch, so sehr man sich auch um Redlichkeit und Ehrlichkeit bemüht. Sie zu stellen ist für mich Teil dessen, was ich oben mit Eiertanz bezeichnet habe – und somit unnötig! Zumal der Redner im Anschluss an die Frage bekennt, sie zu beantworten wäre schwierig.

Bürgermeister Frank Stein bedankte sich am Anfang seiner frei gehaltenen Ansprache beim Städtepartnerschaftsverein für die Ausrichtung der Feier: “wie in all den Jahren davor”. Dieser Passus dürfte nicht bei allen Zuhörern auf Begeisterung gestossen sein – auch wir berichteten in der Vergangenheit über die Turbulenzen in Bergisch Gladbach. Positiv hervorzuheben ist, in welch eindeutiger Weise der Bürgermeister sich dazu bekannte, die Verbrechen des 9. November 1938 nicht als etwas Abstraktes, aber im Gegenteil als “in Deutschland, durch Deutsche” begangen anzuerkennen.

Ein Nachteil einer extemporierten Rede sind die Ungenauigkeiten, die sich dabei einschleichen können. Dass Stein eine der wichtigsten jüdischen Organisationen in Deutschland nicht korrekt benennen kann – er stolperte über den Namen und bezeichnete sie als das “Zentralkomitee der Juden” – irritiert und ist für die Würdigung dieser Passage abträglich. Dies umsomehr, als dass der Bürgermeister dabei Dr. Josef Schuster zitierte, den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, der davor gewarnt habe, die Erinnerung an den Holocaust drohe zu verblassen. Es ist eben schon ein entscheidender Unterschied, ob einer der ranghöchsten Vertreter der Juden mahnt, oder irgendein anderer Politiker diese Mahnung benutzt, um darauf aufbauend die Achtung “des oder der Anderen” einfordert. Sehr schade, ist dies doch der eindrücklichste Teil in Steins Vortrag.

Dass wir nie vergessen, dass es in unserem Land, in unserem europäischen, nach eigener Wahrnehmung, Einschätzung zivilisierten, kultivierten Land möglich war, dass Menschen, ohne jeden Grund, einfach aus Hass und Verachtung, […] verfolgt, ermordet, umgebracht und gequält wurden. Eine Erinnerung, die nicht erblassen darf. […]

Denn auch in dieser Stadt, auch in unserer Stadt gab es Verfolgung, gab es Mord, gab es Unmenschlichkeit. Haben Nachbarn ihre Nachbarn den Schergen ausgeliefert und ist die Menschlichkeit mit Füssen getreten worden.

Video-Mitschrift der Rede von Frank Stein, leicht verkürzt zum besseren Verständnis

Da ist er wieder, er Eiertanz: im Bemühen, ja nichts falsch zu machen, ja keinen Fehler zu begehen, wird in verschachtelte Sätze alles hineingepackt, was dem Redner gerade durch den Kopf geht. Er kommt vom Hundertsten ins Tausendste, besinnt sich gerade noch, auch die Stolpersteine in die Aufzählung der Wege der Erinnerung hinein zu packen. Und er wird dabei immer undifferenzierter, verlagert den Fokus von den Verbrechen der Judenverfolgung und -vernichtung, hin zu “Unmenschlichkeit und Fremdenhass, und Mord und Gewalt, das sind keine abstrakten Begriffe”. Diese Beteuerungen bewirken nachgerade das Gegenteil!

Es ist gar nicht so weit weg von hier, da werden Menschenrechte, da wird Humanität, da wird die Achtung des Anderen, die Achtung der Anderen, da wird all das, was mit Menschenwürde und mit Humanität bezeichnet werden kann, mit Füssen getreten. Und es ist unsere grosse Aufgabe, unser freies Europa dagegen zu verteidigen. Und allen, die unserer Unterstützung, unserer Hilfe, unserer Solidarität und vorallem unserer Freundschaft bedürfen, offen entgegen zu treten und sie in unseren Kreis aufzunehmen. So, wie wir hier in einem Kreis zusammenstehen, so müssen wir in einem Kreis mit allen Menschen zusammenstehen, die Opfer von Agression, von Gewalt, von Fremdenfeindlichkeit und Inhumanität sind oder zu werden drohen.

Video-Mitschrift der Rede von Frank Stein

Von der Reichspogromnacht bis zur Ukraine und zurück – welchen Sinn macht das? Ist dies die zweite Natur eines Politikers, der jedes Wort auf die Goldwaage legen muss? Oder der eiertanzende Deutsche bei einem “jüdischen” Thema. Ich weiss es nicht, aber es macht die Botschaft, die transportiert werden soll, nicht verständlicher. Im Ergebnis resultiert daraus, was man früher mit “hat und gab sich Mühe” satirisch umschrieben hatte. Und das ist der Würde, die doch hier an erster Stelle stehen muss, abträglich!

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Über Thomas Morvay 210 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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