Kann das Böse banal sein?

Die Richter im Prozess in Jerusalem: Benjamin Halevi, Moshe Landau, and Yitzhak Raveh (Source: Israel National Photo Collection; Licence: public domain)

(Jerusalem/Israel) – Heute vor 60 Jahren begann der Prozess gegen das Monstrum, das im wahrsten Sinne der Verursacher der lebenslangen Qualen meiner Mutter gewesen war. Jetzt, wo sich der Tag wider jährt, und jetzt, da sie nicht mehr da ist, fühle ich mich etwas befreiter, jenen Fragen nachzugehen, die ihr zu stellen ich mir ein Leben lang versagt hatte. Eine sehr persönliche Betrachtung.

Die Bilder sind bekannt, ich nehme an, sie sind auch vor mehr als einem halben Jahrhundert bekannt gewesen. Ob meine Mutter es sich je angetan hat, das Bild dieses Monsters im kugelsicheren Glaskäfig anzuschauen, weiss ich nicht. Sie wird gewiss das Urteil Hannah Ahrendts gekannt haben. Ob sie deren Einschätzung geteilt hatte, weiss ich auch nicht. Empfand sie Genugtuung, war für sie der Gerechtigkeit genüge getan worden, als schliesslich das Todesurteil gefällt und vollstreckt worden war? Oder, das würde viel eher zu ihrer Einstellung passen, konnte es nichts auf dieser Welt geben, das dem auch nur annähernd gerecht geworden wäre, was sie hatte durchmachen müssen? Nicht bekannt.

Was soll ich erzählen, hatte sie immer gesagt, was ich gesehen hatte, was ich erlebte, das glaubt eh keiner. Das war immer ihre Haltung, und sie blieb dabei, bis ins hohe Alter. Also versagte ich es mir, danach zu fragen. Alles, was ich weiss, habe ich mir selbst erarbeiten müssen. Es gibt die Aufzeichnungen meines Onkels und seine Interviews beim United States Holocaust Memorial Museum, die ich besitze. Sie geben Einblicke in jene schicksalhaften Tage, als meine Mutter und ihre Eltern im nord-ungarischen Provinzstädtchen in ein Viehwaggon verladen wurden, der über 3 Tage nach Auschwitz fuhr. Sie erzählen vom angsterfüllten Blick meiner armen Mutter, die nur wusste, dass sie ihren Eltern beistehen muss, so gut es geht. Und ich weiss, dass am Ende dieser Reise sie sofort von ihren Eltern getrennt wurde, und damit ihre Reise in der Hölle, das 3 Konzentrationslager umfasste, begann. Ich weiss bis heute nicht, wie sie das hat nicht nur überleben, aber auch – irgendwie, keiner weiss wie – bewältigen und verarbeiten können. Um wieder zu leben, um mich zu gebären und grosszuziehen. Daran denke ich, wenn ich mir die Bilder von jenem Prozess in Jerusalem anschaue.

Das Monster im Glaskäfig hatte während des 8-monatigen Prozesses versucht, wie in den Verhören davor, sich als kleines Zahnrad in einer Maschinerie, als blosser Befehlsempfänger, der ja nur die Transporte organisiert hatte, zu präsentieren. Hannah Arendt ist lediglich die bekannteste Person, die diesem Schauspiel, zumindest zeitweise, aufgesessen ist. Ich behaupte keineswegs, dass ich das Monster verstanden habe. Im Gegenteil, es ist meine Überzeugung, dass es nichts zu verstehen gibt. Der Holocaust ist nicht zu fassen, er ist in seiner Singularität wohl für immer ein Enigma. Philosophisch mag es was hergeben, sich näher mit dem Banalen im Bösen zu befassen – auch ich habe es getan, indem ich Arendts Buch nicht nur einmal gelesen habe, sondern es immer wieder hervornahm, und wieder las. Bis ich für mich zur Überzeugung gelangte, dass es ein schönes Gedankengebäude beschreibt, und aus ihr Schlüsse zieht, dass es aber – und das ist meine Schlussfolgerung daraus gewesen – nichts zu begreifen gab. Mit Rationalität ist dem Holocaust nicht beizukommen. Damit konnte ich auch akzeptieren, dass meine Mutter nie gesprochen hat: wozu, es gab nichts zu verstehen.

Das Böse ist weder banal, noch wirklich in einem rationalen Konstrukt fassbar. Es ist. Und das Monstrum im Glaskäfig ist auch kein Sinnbild, nicht mal ein Abbild davon. Eben, weil nicht fassbar, weil es nichts zu verstehen gibt. Es ist.

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Über Thomas Morvay 198 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Als Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit auch als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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