Johannes und seine Gedenkstätte

Letzte Aktualisierung am 4. April 2023 durch Thomas Morvay

Basel – Dokumentarfilmerin Susanne Scheiner begeistert mit einem wunderschönen Porträt von Johannes Czwalina und seiner Riehemer Gedenkstätte für Flüchtlinge. Auch die heute abgehaltene zweite Vorführung im Basler Stadtkino war für einen Sonntagvormittag, und trotz der falsch gemeldeten Startzeit in den lokalen Medien, sehr gut besucht.

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Der gebürtige Berliner Johannes Czwalina, hat es in Riehen bis heute nicht leicht. Er hatte bis 1973 in Jerusalem theologische Archäologie studiert hatte, bis ihn der Jom Kippur-Krieg nach Basel vertrieb, wo er nach Studienabschluss und Ordination in der Elisabethenkirche als Pfarrer auch mehrere soziale und karitative Projekte realisierte, bevor er Unternehmensberater wurde. Sein Herzensprojekt ist auch aktuell ohne einen Rappen von der öffentlichen Hand finanziert. Auch als er sich entschied, die Ausstellung zu vergrössern, wurden die Mittel des Umbaus aufgebracht, indem Czwalina seine Eigentumswohnung verkaufte. Zudem bewohnte er eine Zeit lang ein Zimmer im Museum, in dem sich an einer Wand alte Koffer stapeln, von denen einige „fake“ sind, wie er schmunzelnd anmerkt, da sie in Schubladen umfunktioniert wurden. Der spröde Charme von „Durchreise“ sei gewollt!

Quasi im Vorspann schon, setzt der Historiker Prof. Georg Kreis den Tenor zum Film mit der Aussage, das Thema der Flüchtlinge an der Schweizer Grenze und das Verhalten “der Aufnehmenden und Zurückweisenden […] war nicht einmal wichtig genug, dass es tabuisiert werden musste; es war […] einfach kein Thema gewesen, bei vielen, lange Zeit“! Und damit ist man schon mitten im Thema: während der Kriegsjahre hat die Schweiz vermutlich zehntausende jüdische Flüchtlinge abgewiesen, und sogar die meisten von denen wieder ausgeschafft, die es zunächst, über die weniger engmaschig gesicherten Grenzen in das vermeintlich sichere Basel geschafft haben. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass Ihnen zu Ehren am Lörracher Zollamt vor anderthalb Jahren erst eine Stolperschwelle verlegt wurde (wir berichteten). In einer weiteren Sequenz insinuiert – in unserer Wahrnehmung – der Gemeindepräsident Hans-Jörg Wilde, es wäre eine Frage der Finanzen gewesen, warum man Czwalina mit seinem Projekt im Regen stehen liess.

Vor meiner Zeit , da weiss ich nicht genau, was auf der Gemeinde bearbeitet wurde. Seit ich hier bin mit meinem Gemeinderatsteam, ist das auch bei uns ein Thema geworden. Wir sagen, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen, schauen, ob wir eine Haltung dazu einnehmen können. Ich glaube, das kommt Herrn Czwalina auch sehr entgegen. Ich hatte mit ihm auch ein persönliches Gespräch geführt. Wie soll ich sagen … Es geht um eine Art offizielle Anerkennung. Das steht auch ein wenig im Fokus. Dieses Anliegen finde ich legitim. Er macht etwas hier. Anderwerseits: Heisst ein [sic] Haltung auch, dass man sich finanziell engagiert durch eine Beteiligung zum Beispiel? Das ist oftmals auch ein Thema. Auch diesbezüglich wird die Gemeinde eine Haltung einnehmen. Im Moment ist das noch offen.

Gemeindepräsident von Riehen im Film, Interview aus 2015 ab 34:12 Minuten

Ein Schelm, der dabei Böses denkt: „Juden und Geld“ – sind wir die einzigen, die sofort daran denken mussten?

Für Czwalina – das wird im Film, wie auch in den Aussagen deutlich, die er uns gegenüber im Gespräch heute anlässlich der Vorführung macht – durchzieht das besondere Thema „Trauer“ seine Einstellung. Das hatte ihre Ursprünge bereits in der Tatsache, dass das Haus seiner Kindheit in Berlin früher von Juden bewohnt war, bevor man diese enteignet, entwürdigt, deportiert und umgebracht hatte. Trauer auch und trotz der Tatsache, dass er davon erst später erfuhr, womit dass Thema Schweigen – von Tätern und überlebenden Opfern – anklingt. Die, wohl besonders für jüdische Ohren bedeutungsschweren Ortsnamen Wannsee und Grunewald werden absolut adäquat im Film eingeführt, sodass die in einer weiteren Sequenz aufgeführten Stolpersteine vor dem Haus seiner Kindheit sehr passend einbezogen und dargestellt werden können. Es ergibt sich ein harmonisches Gesamtbild mit eindeutiger Prägung.

Der Film thematisiert auch die in der Schweiz aktuelle Frage einer nationalen Gedenkstätte. Schon in der Ankündigung der Vorführung heisst es dazu:

Der Film ist eine Dokumentation über die Entwicklung und die Aktivitäten der Riehener Gedenkstätte für jüdische Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg. Und er zeigt, wie ein einzelner sensibler Mensch unter grossen, auch finanziellen Opfern etwas fertiggebracht hat, was in der Schweiz weder der Bund, noch die lokale Gemeinde oder Institutionen für nötig erachteten.

Ankündigung der Filmvorführung vom 2. April 2023

Wohl auch deswegen werden die beiden Parlamentarier – Nationalräte Daniel Jositsch (SP) und Alfred Heer (SVP) – im Film eingeführt, respektive wird ihre in Bern eingebrachte und in beiden Räten angenommene, auch vom Bundesrat befürwortete, Motion thematisiert. Im Film sieht Heer “den Ball” nun beim Bundesrat – ob die schweizerische Realität des Politikbetriebs diese Auffassung auch hergibt, muss sich noch weisen. Aktuell hat der Bundesrat dem Department für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) die weitere Federführung und Aufgleisung übertragen. Die Realität “vor Ort” in Riehen, zeigt nach unserer Einschätzung nach wie vor in eine andere Richtung, im Einklang mit dem Interview von 2015. Wesentlich weiter ist man auch heute noch nicht, eine Entwicklung deutet sich allfällig damit an, dass das Basler Zentrum für Jüdische Studien die wissenschaftliche Betreuung des Museums übernehmen wird. Auf Seiten der Politik, weiterhin Abseits stehen, sich keine Blösse geben, mitverfolgen, ob und wie die Öffentlichkeit sprich der Wähler reagieren wird. Die wenigen, im Film gezeigten, positiven Stellungnahmen sind da offensichtlich nicht genügend. Zwar keine Wähler, aber in den 12 Jahren haben über 60 Tausend Besucher der Gedenkstätte mit ihren Füssen abgestimmt: sie waren da. Zählt denn das gar nichts, vermag es die Politik nicht zu beeindrucken, oder wenigstens zu konkreten Schritten veranlassen? Eigentlich sehr schade!

Wichtige Anmerkung der Redaktion: in einer früheren Version des Beitrags wurde Professor Kreis damit zitiert, dass das Museum ‘totgeschwiegen’ worden wäre. Wir hatten Gelegenheit, diese Passage des Films erneut zu sichten, und haben unsere Fehler entsprechend korrigiert. Unsere ursprüngliche Interpretation, in der Gemeinde Riehen und im Stadtkanton Basel insbesondere die Auseinandersetzung mit Czwalinas Aktivität und Museum über weite Strecken scheuten und bis heute scheuen, entspricht der Wahrnehmung und Beobachtung der Redaktion, auch wenn sie in der zitierte Passage durch die Filmemacher nicht intendiert gewesen sein sollte.

Über Thomas Morvay 310 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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