Israel – ein Leuchtturm in stürmischer See

Israels Regierungschef Naftali Bennett vor der UNO-Generalversammlung, am 27. September 2021 in New York. Photo credit: imago Copyright: Lev Radin

New York – Der seit knapp 100 Tagen regierende israelische Premierminister Naftali Bennett reiste am Wochenende in die Vereinigten Staaten, zu seinem ersten Auftritt als Regierungschef vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am Hudson-River. Seine mit Spannung erwartete Rede unterschied sich markant von den, man muss schon sagen, legendären Auftritten seines charismatischen Vorgängers und begnadeten Orators Benjamin Netanjahu. Am Podium stand dieses Mal ein in sich ruhender – vielleicht gar zu ruhiger – Politiker, der seine Worte mit Bedacht wählt. Seine Botschaft war nicht so verschieden von den Botschaften seines Vorgängers, seine Diktion jedoch grundlegend anders.

Es war vor einem fast leeren Plenarsaal, dass Israels Premierminister Naftali Bennett das Wort ergriff. Dass er sich abwechselnd an „meine Freunde“ und „erlesene Exzellenzen“ wandte, mutete dabei leicht grotesk an, wenngleich Letzteres vom Protokoll vorgeschrieben gewesen sein mag. Jedenfalls muss auch dem Regierungschef bewusst gewesen sein, wie hohl die Phrase klang: während es im Sicherheitsrat noch Mitglieder gibt, die Israel zur Seite stehen, bläst dem Land aus der Generalversammlung häufig blanker Hass entgegen. Sie als „Freunde“ zu titulieren ist bestenfalls höhnisch, in jeder Hinsicht unangebracht. Bei dieser Optik war es schon fast folgerichtig, dass keine der Nachrichtensender die Rede live übertrug, ebenfalls eine Abkehr von der bisherigen Praxis. Bennett muss sich offenbar noch das Privileg verdienen, dass seine Worte – losgelöst von politischer Ausrichtung – als wichtig genug eingeschätzt werden, um in Echtzeit über die Bildschirme übertragen zu werden.

Vom Inhalt her gab es nichts, was nicht im Voraus hätte erwartet werden können: Israels Spitzenplatz in der Bekämpfung der Covid-19 Pandemie, die Bedrohung aus dem Iran für Israel und die gesamte Region, und die Abraham-Accords, die Aussöhnung mit den arabischen Nachbarn. Selbst dass Bennett die Palästinenser mit keinem Wort erwähnte, durfte niemanden wirklich überrascht haben. Von allen inner-israelischen Gesichtspunkten zu diesem Komplex abgesehen, die leere Drohung des greisen Mahmud Abbas, wonach Israel noch ein Jahr Zeit hätte, zu Gesprächen mit der Autonomiebehörde zurück zu kehren, hat nicht wirklich eine Antwort verdient. In diesem Lichte besehen muss man sich fragen, welchen Stellenwert die Beteuerung des Aussenministers Yair Lapid hätte – vor etwa 14 Tagen, an der Reichmann-Universität (wir berichteten darüber) – dass Israel nur die Autonomiebehörde als Vertreter der palästinensischen Araber anerkennen würde. Abgesehen von den graduellen Differenzen der Koalitionäre in Israels Regierung, die grundsätzliche Haltung von Bennett und Lapid weicht nicht wesentlich von jener Netanjahus ab. Washington, und insbesondere Brüssel wären gut beraten, dies endlich zur Kenntnis zu nehmen.

Die stärkste Passage des Vortrages kam, als der israelische Regierungschef seinen Zuhörern ins Stammbuch schrieb, ihre unangebrachte stereotype Kritik an Israel wäre naiv, aber keinesfalls angebracht oder „woke“ – ein Wort, für den es weder im Hebräischen noch auf Deutsch eine passende Entsprechung gibt. Irans frisch gewählten Präsidenten Raisi als das vor der Weltöffentlichkeit zu benennen, was er ist – nämlich der „Schlächter von Teheran“ – war notwendig und richtig. Ob es reicht, ob es dazu führt, dass in Washington eine Bereitschaft entsteht, eine Rückkehr zum Atom-Deal zu überdenken, oder ob Berlin und Brüssel in ihrem Eifer, wirtschaftliche Interessen vor die politische Moral zu stellen, gebremst werden, wird die Zukunft weisen.

Insgesamt muss man sich eingestehen: Bennett hat nicht das abgeliefert, was man von ihm hätte erwarten dürfen. Wer ihn bei seinen Auftritten in der Knesset, oder in der speziellen Atmosphäre der Wahlkämpfe der letzten Jahre gesehen und gehört hatte, musste vom gestrigen Auftritt enttäuscht sein. Es war zu viel professoral vornehme Zurückhaltung und zu wenig israelisch jüdische Markigkeit. Es waren die erwarteten Worthülsen, aber nichts von der erwartbaren – man darf auch sagen – von der notwendigen Zielstrebigkeit und Konkretisierung. Bennett kann mehr, er ist besser als das. Eine verpasste Chance, die seine Gegner bestimmt nicht ignorieren werden.

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Über Thomas Morvay 198 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Als Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit auch als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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