Fäkalsprache reicht nicht aus, um das zu verurteilen!

Volker Beck, hier bei einer Demonstration der Solidarität mit Israel am 15. Mai 2021 in Berlin (Lizenz: imago / epd; Copyright: epd-bild/Rolf Zoellner)

Letzte Aktualisierung am 23. März 2023 durch Thomas Morvay

Jerusalem/Israel – Nach Ausgang des Schabbat wurde es bekannt, dass zwei deutsche Touristen mit knapper Not einem wütenden Mob in Nablus entkommen waren, der sie zu lynchen trachtete. Eines der Opfer gab im israelischen TV ein Interview. Aufmerksame Beobachter stellten früh Fragen, die leider unbeantwortet blieben. Es dauerte einen Tag, bis die ganze Tragweite offenbar wurde: da hat ein profilierungssüchtiger Idiot uns allen einen Bärendienst erwiesen!

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Die Bilder gingen um die Welt: mitten in Nablus, in der Zone A des von der Palästinensischen Autonomiebehörde verwalteten Gebietes, sammelt sich ein wütender Mob um ein Auto herum. Die Situation eskaliert rasch, und nur durch offensichtlich mutiges Eingreifen einiger Wenigen gelingt es, den Wagen aus der Gefahrenzone zu bringen. Hinterher erfährt man: es handelt sich um einen in Tel Aviv gemieteten Wagen, auf dessen Nummernschild eine israelische Flagge ist – “Stein des Anstosses”! Der “deutsche Tourist” gibt im israelischen TV-Sender ein Interview: sein Bild von den Palästinensern habe sich grundlegend gewandelt.

Erste Meldung am Samstagnachmittag – da glaubten noch alle an eine Verkettung unglücklicher Umstände

Exemplarisch für die Reaktionen ist an dieser Stelle ein Austausch des Schreibenden mit dem Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Volker Beck wiederzugeben:

Unser – öffentlich einsehbarer – Austausch mit Volker Beck auf Twitter

Unsere Recherche begann nach der ersten Antwort Becks auf meinen Hinweis an Beck, die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes spräche eine eindeutige Sprache und auch auf die Mietverträge, die man in Israel mit Autovermietungen schliesse und die Fahrten in die sog. palästinensischen Gebiete ausschliessen würden. Die Formulierung “Weder Leichtsinn noch schlechtes Benehmen oder Lust an Provokationen rechtfertigen gewalttätige Übergriffe.” liess aufhorchen. Es fand sich das Interview mit dem Sender “Kann News 11” und darin der Name eines der Angegriffenen: Gerald Hetzel.

Man staunt nicht schlecht. Eines der ersten Treffer, den eine Google-Suche ergibt, führt zu einem Beitrag in der Jüdischen Allgemeinen, erschienen etwa vor einem Jahr: Hetzel, der als “Gründer der DIG Passau” vorgestellt wird, ist Opfer eines Angriffs auf seinen Informationsstand in jener Stadt geworden. Es geht also nicht um einen ahnungslosen Touristen, sondern um ein führendes Mitglied der grössten Organisation von Israel-Unterstützern in Deutschland. Und der scheint Unheil anzuziehen? Da ergibt die Formulierung Becks einen anderen Sinn.

Man fragt sich allerdings, weshalb der DIG-Präsident nicht proaktiv tätig geworden ist und es zulässt, dass die Wahrheit scheibchenweise ans Licht kommt. Man fragt sich auch, weshalb andere, prominente Deutsche in Israel und in Deutschland – exemplarisch seien Jenny Havemann oder Anna Staroselski genannt – erst am heutigen Montagmorgen mit ihrer Distanzierung von Hatzel herausrücken. Und schliesslich fragt man sich auch, ob der DIG bereit ist, die Konsequenzen aus dieser unsäglichen Affäre zu ziehen und den profilierungssüchtigen Hetzel aus der Organisation zu entfernen: denn vereinsschädigendes Verhalten ist schliesslich ein wichtiger Grund, wie er auch in der Satzung des DIG e.V. festgeschrieben ist.

Update: Wir erhielten ein Bild, das vorgeblich die eingeschlagene Heckscheibe des Mietwagens zeigt. Im sonst leeren Kofferraum sind Glasscherben und eine relativ kleine Israel-Flagge zu sehen. Wir weisen darauf hin, dass es uns nicht möglich ist, die Authentizität des Bildes zu verifizieren. Die Veröffentlichung des Bildes erfolgt unter explizitem, einschränkenden Hinweis auf diesen Umstand! Darüber hinaus ist es absolut nicht nachvollziehbar, dass jemand in die Palästinensischen Autonomiegebiete fährt, mit einer an der Heckscheibe befestigter Israel-Flagge – es sei denn, seine Absicht ist die Provokation!

Bild zeigt die eingeschlagene Heckscheibe (Glassplitter) sowie eine Israel-Flagge im leeren Kofferraum eines Autos. Die Authentizität und der Zusammenhang mit dem Angriff auf einen Mietwagen mit zwei deutschen Touristen in Nablus kann nicht unabhängig überprüft werden!

Update_2: wir sind inzwischen in den Besitz zweier verifizierten Bilder gelangt, die das Heck des angegriffenen Wagens zeigt. Man sieht auf beiden Bildern ein zusammengeknülltes Tuch oder Papier, mit weisser und blauer Farbe – also den Farben der israelischen Flagge. Ob diese Flagge an der Heckscheibe befestigt war, ob sie auf der Heckablage auflag, ob sie überhaupt im Fahrzeug war, bevor es angegriffen wurde – das alles lässt sich damit natürlich noch nicht belegen. Wir sind zum Schluss gelangt, es ist nach wie vor oberste Zurückhaltung angesagt, und sind nicht bereit, voreilige Schlüsse zu ziehen. Andererseits ist in uns die Erwartung, dass diese Frage durch kompetente Stellen untersucht und anschliessend kommuniziert wird!

(Lizenz: imago / ZUMA; Copyright: Nasser Ishtayeh)

Unsere Zurückhaltung begründen wir damit, dass nicht zweifelsfrei zu belegen ist, dass die Gegenstände auf der Heckablage nicht verändert wurden. Uns erscheint zwar, dass die unterschiedlichen Blickwinkel, und vermutlich unterschiedliche Objektive resp. Brennweiten für die abweichende Optik verantwortlich sein könnten. Schlüssig zu beantworten ist diese Frage jedoch nicht. Ausserdem, auch auf diesem zweiten Bild ist der weiss-blaue Gegenstand zerknüllt, ob es sich um eine israelische Flagge handelt, lässt sich nicht eindeutig erkennen.

(Lizenz: imago; Copyright: SOPA Images USA)

Update_3: Was ist dieses zerknüllte Stück, diese Frage beschäftigt uns nach wie vor. Eine Sichtung des Interviews im israelischen Fernsehen Kanal 11 zeigt an einer Stelle, dass hinten links am Auto eine israelische Flagge das Heck ziert. Allerdings, auf den obigen Fotos, die wir vor dem Erwerb zusammen mit einigen anderen Bildern zusammen sichteten, ist an jener Stelle nichts am Fahrzeug – ebensowenig ist etwas im Heckfenster zu erkennen. Da es offensichtlich leicht ablösbar zu sein scheint, schliessen wir eine Folie aus. Es ist zur Zeit noch nicht restlos geklärt, ob die unter der Ägide von Sixt laufende Carsharing-Lösung in diesem Fall, oder gar allgemein, auch das Anbringen einer israelischen Flagge am Fahrzeug beinhaltet (zum aktuellen Zeitpunkt spricht einiges dagegen). Aber das lässt lediglich die andere Möglichkeit zu, dass die Fahne durch die Mieter angebracht wurde. Dann allerdings bewusst und willentlich nach Nablus zu fahren, ist im besten Falle naïv, im schlimmsten aber eine bewusste herbeigeführte Provokation.

Update_4: am frühen Dienstagmorgen hat sich der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft deutlich positioniert. Seine beiden Tweets machen offiziell, was an dieser Stelle seit gestern zu lesen war: hier hat ein Mitglied der DIG unverantwortlich gehandelt. Dies ist einerseits zu begrüssen, allerdings bleibt unklar, weshalb sich Beck damit 4 Tage Zeit gelassen hat – wie unsere im Beitrag wiedergegebene Tweets es belegen. Und – wird es auch Konsequenzen für Hetzel geben, wird die DIG disziplinarische Schritte einleiten? Das ist nach wie vor offen!

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Über Thomas Morvay 316 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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