Carl Lutz – der verschmähte Judenretter der Schweiz

Schutzbrief aus dem Jahr 1944, ausgegeben von Carl Lutz. Heute in der Sammlung des Jüdischen Museums der Schweiz.

Zürich – 1944-45 stellte der Schweizer Diplomat, Spross einer frommen Methodistenfamilie, tausende “Schutzbriefe” an von der Deportation bedrohten Budapester Juden aus. Bereits 1964 wurde er von Yad Vashem zum Gerechten unter den Völkern ernannt, seit der Wende in Ungarn erinnert ein Denkmal in Budapest an ihn. Nur seine Heimat, die Schweiz, brauchte viel zu lange, um ihn vollständig zu rehabilitieren. Um so wichtiger die Vorträge und das Buch zu ihrem Ziehvater. Ich durfte Ágnes Hirschi diese Woche zuhören.

Die zierliche Frau begrüsst einige Bekannte, bevor sie zu ihrem Vortrag in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) von der Organisatorin vorgestellt wird. In ihr lodert das Feuer heute noch. Ágnes Hirschi ist seit 2020 Mit-Herausgeberin ein Buches mit Interviews, die sie mit einigen der 62’000, von ihrem Ziehvater geretteten, Budapester Juden geführt hatte. Das Buch legt in einer Weise von den Taten Carl Lutz’ Zeugnis ab, wie es die offizielle Schweiz eigentlich bis heute nicht geschafft hat. Hirschi erzählt das Leben des Diplomaten in bewegenden Worten nach, aus denen Liebe und Dankbarkeit sprechen. Sie lernte diesen 1944, als 6-jähriges Mädchen kennen. Ihre Mutter suchte und fand Schutz, als Mitarbeiterin des Schweizer Gesandten in Budapest. Lutz heiratete sie 1946, und so wurde die kleine Ágnes seine Ziehtochter.

Erst 1995 wurde Carl Lutz offiziell vollständig rehabilitiert, da war er bereits seit 20 Jahren tot. Und es mussten noch einmal mehr als 20 Jahre vergehen, ehe die offizielle Schweiz – im Rahmen der Schweizer Präsidentschaft des “International Holocaust Remembrance Association” (IHRA) – ein Sitzungszimmer im Berner Bundeshaus nach ihm benannt hat. Die Gedenktafel jedoch, hängt nicht vor der Tür, aber im Inneren des Saales. So, als ob es etwas zu verstecken gäbe -“Bundesbern”, wie es leibt und lebt!

Wie anders fühlt es sich an zu wissen, dass in Budapest längst – an prominenter Stelle, gegenüber der Margarethen-Insel, auf Pester Seite – das Quai nach dem Schweizer Diplomaten benannt ist. Das ist auch unweit der einzigartigen Gedenkstätte für die von den ungarischen Nazis ermordeten Budapester Juden, beim Parlamentsgebäude. Wenige Schritte entfernt, an der Wirkungsstätte von Lutz’ “Auswanderungs-Sektion für Palästina”, ist ferner eine Gedenkplakette angebracht, welche den Diplomaten explizit benennt.

Auch Israel erwies dem Judenretter ihre Reverenz, als Lutz in seiner Heimat – zwar weiter im diplomatischen Dienst für die Schweiz tätig, aber beispielsweise ohne Rentenansprüche aus der Zeit seiner Tätigkeit in Budapest – zunehmend vereinsamt und ohne Anerkennung lebte. Yad Vashem ehrte ihn und seine erste Frau Gertrud als “Gerechte unter den Völkern” bereits 1964, wenige Jahre nach seiner Pensionierung. Es sollte jedoch noch bis 2004 dauern, ehe im “Schweizerwald” nahe Tiberias am See Genazareth ein Memorial unter Beteiligung auch der Schweizer Botschaft errichtet wurde.

Sie dürfe heute nicht mehr schimpfen, sagt Ágnes Hirschi, die auch heute noch akzent- und fehlerfrei Ungarisch spricht. Und sie versucht es tatsächlich, die Kränkungen und Wunden nicht zu stark nach Aussen sichtbar werden zu lassen. Während über zwei Stunden erzählt sie, voller Bewunderung und Begeisterung für den Mann, dem sie ihr Leben buchstäblich zu verdanken hat. Und die Zuhörerschaft in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) dankt es ihr mit lange anhaltendem Applaus und manchen persönlichen Gesprächen, nach Ende der Veranstaltung.

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Über Thomas Morvay 210 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

2 Kommentare

  1. Kompliment. Eine sehr schöne Würdigung für Agnes und Carl Lutz. Der Schweizer Umgang mit dieser Geschichte ist schon sehr peinlich und der Schweiz nicht würdig. Sehr interessant die erste Frau vom Carl Lutz Gertrud Lutz Fankhauser wurde nie (auch im Film über Carl Lutz) erwähnt, “ohne Gertrud Lutz hätte er das nicht geschafft”, sagt Helena Kanyar, Historikerin an der UNI Basel.

    • Es ist nicht so, dass Ágnes Hirschi nicht auch über Gertrud spricht – jedenfalls tat sie dies in ihrem Vortrag. Sie zeichnete auch ein differenziertes Bild von Carl Lutz, jedenfalls empfand ich das so.

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