Ausgerechnet an diesem Tag?

Denkmal an der Grossen Hamburger-Strasse in Berlin (Copyright: Tamas György Morvay)

In zwei Tagen erinnern wir uns wieder kollektiv daran, dass es vor 84 Jahren in Deutschland für Juden definitiv “ungemütlich” wurde: die sog. “Pogromnacht” brachte brennende Synagogen, wütende Mobs brachen in Häuser ein und jagten hilflose Juden durch die Strassen, und man sperrte Tausende in Konzentrationslager. Und dann wird man überall wieder Krokodilstränen weinen und in virtuellen Sprechchören “Nie wieder!” verkünden. Überall? – Nein, in diesem Jahr gibt es welche, die man beim besten Willen nicht als Mensch bezeichnen kann, die meinen, unbedingt in die Suppe spucken zu müssen!

Als das global tätige Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland setzen wir uns für die Verständigung zwischen Deutschland, Europa und der Welt ein.

Quelle: Goethe-Institut

Ausgerechnet dieses “Kulturinstitut” veranstaltet am 9. November 2022, um 19:00 Uhr, in Tel Aviv eine Diskussion zum Thema “Den Schmerz der Anderen begreifen”. Ausgerechnet an diesem Tag wollen sie, zusammen mit der Rosa Luxemburg-Stiftung (eine der SED-Nachfolgepartei nahestehende Organisation) dazu ein, über “Holocaust, Nakba und Erinnerungskultur” nachzudenken. Sie finden wohl, der Holocaust alleine reiche nicht, an diesem Tag, man müsse sie in Relation setzen zB. mit dem, was im Narrativ palästinensischer Araber die “Katastrophe” heisst. Diesem Irrsinn wird ein Forum geboten:

Fast 75 Jahre nach seiner Gründung bleibt Erinnern in Israel ein politisch umkämpftes Terrain. Jüdinnen und Juden richten den Fokus auf den Holocaust, Palästinenser:innen hingegen auf das Schicksalsjahr 1948, als Hundertausende Opfer von Flucht und Vertreibung durch jüdische Kämpfer wurden – arabisch als Nakba (Katastrophe) bezeichnet. In ihrem Buch „Den Schmerz der Anderen begreifen“ plädiert die Publizistin Charlotte Wiedemann für ein neues empathisches Erinnern, das verschiedenen Seiten gerecht wird und Solidarität statt Opferkonkurrenz fördert.

Quelle: Goethe-Institut

Das ist nicht nur geschichtlich falsch, und ist nicht bloss eine Beleidigung jedes Menschen, dessen Intelligenz höher ist als die von einem Meter Asphalt. Man mache es sich bewusst, dass da Vertreter jener Kulturnation so dumm-dreist daherreden, deren Grosseltern – wie oben geschrieben – Juden durch die Strassen jagten und Synagogen in Brand steckten. Und die sich wenige Jahre danach aufmachten, das mit “Zivilisationsbruch” nur ansatzweise beschriebene schlimmste Verbrechen, die systematische Vernichtung des europäischen Judentums, umzusetzen.

Das damit in “Opferkonkurrenz” setzen zu wollen, dass arabische Propagandisten um Israel herum die im Land ansässigen “Brüder und Schwester” dazu aufriefen, nicht den Armeen im Wege zu stehen, welche die Juden ins Meer treiben wollten, sondern ihre Häuser abzuschliessen und sich in Sicherheit zu bringen. Sie würden nach kurzer Zeit in ein “judenfreies” Land zurückkehren können, wurde ihnen versprochen. Und die Nachfahren jener Menschen sind grösstenteils bis zum heutigen Tag aus den Gesellschaften der arabischen Nachbarländer ausgeschlossen und werden in Lagern gehalten, als Empfänger von Hilfsleistungen aus der EU, da sie nicht die einheimische Bevölkerung auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzieren sollen.

Das können die doch nicht ernst meinen? Und, gibt es niemandem im Auswärtigen Amt, mit dem das Goethe-Institut einen Rahmenvertrag hat, der diesen Irrsinn stoppt? Der den Verantwortlichen in die Senkel stellt und klar macht, dass sich so etwas schlicht nicht gehört! Dass Vertreter der Kulturnation in Israel, und überhaupt, an diesem Tag weltweit einfach nur in Demut und schweigend darüber nachzudenken haben, was da vor 84 Jahren geschehen ist, und wozu das anschliessend geführt hatte!

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Über Thomas Morvay 210 Artikel
Der mit Sprache Bilder kreiiert Seit über 10 Jahren journalistisch tätig, vorwiegend zu Themen Israel und jüdisches Leben. Zuvor Korrespondent und Redaktioneller Mitarbeiter für die European News Agency, und seit geraumer Zeit als Blogger hier auf dieser Plattform. Davor war ich auch fleissig als Kommentator über die Plattform Disqus unterwegs, u.a. bei der Jerusalem Post oder die Neue Zürcher Zeitung. Inhaltlich mache ich keinen Hehl aus meiner Überzeugung, dass für mich die sog. Zwei-Staaten-Lösung - die ja wahl- und bezeichnenderweise auch schon ein Konzept für mehr als 2 Staaten war - eine in der westphälischen Ordnung (Henry Kissinger) verwurzelte und europazentrische Sichtweise - überholt resp. zumindest neu gedacht werden muss. Als Sprössling zweier Überlebenden der Schoa ist das, was man heutzutage Erinnerungskultur nennt, naturgemäss mein Thema. In diesen Zusammenhang gehört die Auffassung, dass man nach wie vor lieber tote Juden beweint, als dass man sich lebenden Juden - in Israel oder in der Diaspora - zuwendet, bekennt und mit ihnen solidarisiert. In dieser Hinsicht halte ich meinem Land, der Schweiz, vor, sich ihrer Verantwortung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht gestellt zu haben. Da verkommt sogar die Diskussion über eine zentrale Gedenkstätte oder zu Raubkunst zur willkommenen Ablenkung vom Thema. Mitglied im Deutschen Verband der Pressejournalisten

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